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 Lichttropfen

Einleitung

Vom Lauschen, das mich selbst betrifft
Ich merke, dass etwas in mir müde geworden ist, noch bevor ich sagen kann, wovon.
Es zeigt sich nicht dramatisch. Eher unscheinbar.
Im Atem, der kürzer wird.
In Gedanken, die sich wiederholen.
In einem leisen Widerstand gegen das, was eigentlich einfach geschehen dürfte.
Diese Unruhe kommt mir nicht fremd vor.
Ich erkenne sie im Außen wieder – in Gesprächen, in gesellschaftlichen Spannungen,
in dem ständigen Versuch, Ordnung zu schaffen und festzuhalten.
Doch sie beginnt nicht dort.
Sie beginnt in mir.
Wenn ich still werde, spüre ich, dass es kein Mangel ist, der sich meldet.
Kein Wunsch nach mehr.
Es ist eher ein Verlangen nach Rückkehr.
Nach Beziehung zu dem, was mich ursprünglich trägt.
Der Atem führt mich dorthin zurück, wo ich noch antwortfähig bin.
Nicht, weil ich ihn lenke, sondern weil er mir nichts vormacht.
Er zeigt mir, wo ich mich verschlossen habe.
Wo ich schneller sein wollte als das Leben.
Wo ich begonnen habe, Ordnung besitzen zu wollen, statt ihr zu vertrauen.
Je länger ich diesem Atem zuhöre, desto deutlicher wird mir:
Transformation ist kein Vorhaben.
Sie geschieht dort, wo ich bereit bin, nicht auszuweichen.
Vielleicht besteht meine Verantwortung als Mensch
nicht darin, etwas Neues zu erschaffen,
sondern darin, das Alte wieder durchlässig werden zu lassen.
Verlangen drängt nicht nach Erfüllung, sondern nach Beziehung.
Und der Atem erinnert mich daran, dass ich mitten in diesem Geschehen stehe
und ihm nicht entkommen kann.
Was folgt,
ist kein Lehrstück und keine Erklärung.
Es ist der Versuch, das sichtbar zu machen,
was sich zeigt, wenn ich aufhöre,
mich zwischen mich und das Leben zu stellen.

Über Ordnung als Geschehen
Alles, was mir begegnet, geschieht.
Nicht erst das Große oder Bedeutende, sondern ebenso das Alltägliche:
ein Blick, ein Wort, ein Gedanke, ein Atemzug.
Geschehen meint hier keinen Vorgang im technischen Sinn.
Es meint das Sich-ereignen von Welt an mir.
Ich stehe diesem Geschehen nicht gegenüber.
Ich befinde mich nicht außerhalb von ihm.
Ich stehe immer schon im Vollzug dessen, was geschieht.

Verlangen als Ursubstanz
Dem Geschehen liegt eine Bewegung zugrunde,
die sich nicht aus einem Ziel erklären lässt.
In meinem menschlichen Dasein zeigt sie sich in zwei Weisen.
Zum einen als Notwendigkeit:
als jenes Wollen, das auf Sicherung zielt, auf Nahrung, Schutz, Zugehörigkeit, Überleben.
Die Kabbala nennt diese Grundbewegung Verlangen.
Anfänglich erscheint es als Mangel, als Bedürfnis nach etwas Bestimmtem,
das erfüllt werden will.
In dieser frühen Gestalt wird Verlangen leicht zur Eigenschaft, zum Besitz,
zu etwas, das ich habe und verteidige.
Auch das ist Ordnung.
Eine Ordnung, die trägt, solange sie dem Überleben dient.
Doch in seiner tieferen Bedeutung ist Verlangen keine Eigenschaft.
Es gehört mir nicht.
Es ist der Grundzug, durch den ich überhaupt in Beziehung stehe.
Alles, was mich berührt, trifft auf dieses Verlangen
und wird von ihm aufgenommen.

Atem als Ursprung des Vollzugs
Der Atem ist dabei kein bloßes Mittel des Stoffwechsels.
Er ist das ursprüngliche Geschehen, in dem sich Innen und Außen begegnen.
Im Atem zeigt sich, dass Welt nicht draußen ist und ich nicht drinnen.
Beides berührt sich fortwährend.
Mit wachsender Reife wird mir spürbar, dass sich äußere Realität im Atem nach innen entfaltet.
Nicht als Abbild, sondern als Stimmigkeit oder Unstimmigkeit.
Der Atem verbindet mich mit dem, was geschieht.
Er macht erfahrbar, ob das, was mir begegnet, im Inneren mitgehen kann.
Der Atem ordnet nichts.
Er greift nicht ein.
Er stellt nichts her.
Er zeigt, wie das Geschehen getragen ist.
Wo der Atem frei bleibt, bleibt auch der Vollzug offen.
Wo er eng wird, verdichtet sich das Geschehen.

Beziehung als erstes Geschehen
Beziehung tritt meinem Leben nicht später hinzu.
Sie ist das erste Geschehen überhaupt.
Noch bevor ich verstehe, bewerte oder benenne,
bin ich bereits bezogen.
Diese Bezogenheit ist nicht gewählt.
Sie ist gegeben.
Jede Wahrnehmung,
jede Empfindung,
jede Handlung
steht in Beziehung.

Die Matrix als Zusammenhangsraum
Matrix bezeichnet hier keinen verborgenen Mechanismus
und kein System hinter der Welt.
Matrix meint den Zusammenhangsraum,
in dem Verlangen, Atem und Beziehung zusammenwirken.
Dieser Raum ist beweglich.
Er kann weit oder eng sein, durchlässig oder verfestigt.
Die Matrix ist nicht das, was geschieht,
sondern die Weise, wie Geschehen möglich wird.

Innere Ordnung und Übereinstimmung
Äußere Realität gelangt unausweichlich nach innen:
über die Sinne,
über den Leib,
über den Atem.
Was nach innen kommt, trifft dort nicht auf Leere, sondern auf gelebte Muster.
Diese Muster sind keine Fehler.
Sie sind geronnene Antworten früherer Situationen mit Erfahrungen.
Wenn das, was geschieht, und das, was in mir bereitliegt,
zueinander finden, entsteht innere Ordnung.
Nicht als Zustand.
Sondern als Stimmigkeit des Vollzugs.
Der Atem bleibt beweglich.
Beziehung bleibt möglich.
Verlangen bleibt offen.

Der Ort des inneren Konflikts
Wo das Neue und das Gewordene nicht mehr zueinander finden, meldet sich der Leib.
Nicht als Gedanke, sondern als Enge, Spannung, Unruhe.
Das ist kein Versagen der Ordnung.
Es ist ein Hinweis darauf, dass Begleitung fehlt.
Wird dieser Hinweis übergangen, zieht sich Beziehung zurück.
Verlangen verengt sich und richtet sich auf Sicherung.
Die Matrix wird enger und weniger durchlässig.
Ordnung als Geschehen, nicht als Ziel
Ordnung fehlt in all dem nicht.
Sie ist immer schon da.
Doch sie zeigt sich nicht als Ziel, das erreicht werden könnte.
Sie zeigt sich als Veränderung der Art, wie etwas geschieht.
Wo ich festhalte, zeigt sich Ordnung als Kontrolle.
Wo ich begleite, zeigt sie sich als Tragfähigkeit.
Auch Kontrolle ist Ordnung.
Doch sie verlangt ständige Anstrengung.
Ordnung, die aus Beziehung geschieht,
trägt, ohne Besitz zu verlangen.

Gelassenheit und Begleitung
Hier berühren sich das Denken von
Martin Heidegger
und Meister Eckhart.
Gelassenheit meint keinen Rückzug.
Sie meint das Verstehen, das Angeeignete zum Ursprung zurückzuführen.
Der Mensch ordnet nicht das Geschehen.
Er lernt, ihm nicht im Weg zu stehen.
Er wird Begleiter,
nicht Lenker.
Ein bündelnder Gedanke
Verlangen ist der offene Grund.
Der Atem der tragende Vollzug.
Beziehung das erste Geschehen.
Die Matrix hält diesen Zusammenhang.
Ordnung fehlt nicht. - Sie wird überdeckt,
wo Besitz, Kontrolle und Rechtfertigung den Vollzug an sich ziehen.
Wo Eingriffe zurücktreten, wird Ordnung wieder erfahrbar
als das, was ohnehin trägt.

Abschluss
Zur Zeit, die trägt
Für mich markiert Weihnachten keinen Punkt im Kalender, sondern eine Verschiebung im Geschehen.
Etwas tritt zurück, und etwas anderes darf erscheinen.
Nicht als Antwort, sondern als Möglichkeit.
In dieser Zeit zeigt sich Ordnung weniger als Struktur und mehr als Tragfähigkeit.
Der Atem wird langsamer, das Verlangen verliert seine Dringlichkeit,
Beziehung geschieht, ohne hergestellt zu werden.
Vielleicht ist dies der Sinn dieser Tage:
dass wir uns erinnern, dass Ordnung nicht gemacht werden muss,
sondern empfangen werden kann.
Nicht durch Rückzug, sondern durch das Aufgeben des Festhaltens.
So wird der Lichttropfen
zu keinem Zeichen besonderer Erkenntnis, sondern zu einer leisen Übereinstimmung
zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir zu tragen vermögen.
Was hier endet, endet nicht im Abschluss.
Es bleibt offen.
Wie ein Atemzug, der nicht gezählt werden muss,
um zu wissen, dass er trägt.